Engineering als Schlüssel zur Unabhängigkeit
Die Herausforderung ist klar: Windenergieanlagen laufen heute weit über ihr 20. Betriebsjahr hinaus. Originalteile werden knapper, teurer oder sind nicht mehr verfügbar. OEMs stellen den Support ein oder beschränken den Zugang zu kritischen Systemen. Für einen unabhängigen Servicedienstleister bedeutet das: Ohne eigenes Engineering kein langfristiger Service.
„Als Ingenieur hänge ich überall dazwischen und bin auf die Rückkoppelungen angewiesen", beschreibt Silvio Matysik seine Arbeit. Fehlerbilder kommen direkt aus der Leitwarte, vom Service, aus der Ersatzteilversorgung und von Kundenprojekten zurück. Daraus entstehen Reparaturmethoden, Überwachungssysteme und Standards – entwickelt aus der Praxis für die Praxis. Diese Nähe zum Feld ist entscheidend: Während OEMs aus der Entwicklungsperspektive auf ihre Anlagen schauen, betrachtet die Deutsche Windtechnik sie aus Betreibersicht – mit Fokus auf langfristig wirtschaftlichen Betrieb, Verfügbarkeit und Kosteneffizienz.
BBG+: Von der Party-Idee zum Marktprodukt
Erinnern wir uns zum Beispiel an das Jahr 2015 – die Ausgangslage war eindeutig: Blattlagerschäden nahmen bei pitch-geregelten Turbinen zu und verlässliche Marktlösungen zur Überwachung gab es nicht. Bei der psm, Silvios damaligem Arbeitgeber, standen viele dieser Turbinen unter Vertrag – das Problem war also täglich präsent. „Da es keine Überwachungslösungen im Markt gab, habe ich auf der Hannover Messe 2015 meine Idee der Firma eolotec auf der BWE-Party vorgestellt", erinnert sich Silvio Matysik. „Wir haben die „Windrad-Realität“ mitgebracht und eolotec die „Messtechnik“. Dadurch wurde erstmals eine industrielle Lösung zur kontinuierlichen Blattlagerüberwachung geschaffen." Noch im selben Jahr wurde der Prototyp in der Hocheifel in einer DeWind D6 installiert. „Frei nach dem Motto: Wir messen mal und schauen, was dabei rauskommt", umreißt Silvio Matysik den bewusst explorativen Ansatz. Das BBG+D überwachte zunächst verschleißbasiert. Zehn Jahre Felderfahrung mit verschiedensten Schadensbildern lieferten kontinuierlich neue Erkenntnisse.
Wenn das Problem sich wandelt
„Was uns überrollt hat: Bei einigen Anlagentypen traten Risse an Innen- und Außenringen auf – ein komplett neuer Ansatz war notwendig", so Silvio Matysik. Die Partnerschaft mit eolotec ermöglichte die Entwicklung des BBG+R zur Risserkennung, DNV-zertifiziert. „Blattlagerrisse können dadurch leider nicht verhindern werden, aber größere Schäden und hohe Kosten lassen sich vermeiden." Gerade bei größeren Rotoren nimmt die Rissproblematik zu – hersteller- und anlagenübergreifend.
Ungeahnte Anwendungen
„Für mich persönlich ist es erfüllend zu sehen, dass aus einer Idee tatsächlich ein marktfähiges Produkt entstanden ist, welches ein ungeahntes Potenzial entfalten kann", sagt Silvio Matysik. „Wir nutzen das BBG+ mittlerweile nicht nur für Blattlager, sondern auch für alle möglichen Bereiche an unterschiedlichsten Anlagentypen: Azimut- und Hauptlager, Rotorblattrisse, Strukturbauteile." Diese Multibrand-Fähigkeit ist typisch für die Deutsche Windtechnik: Lösungen, die herstellerübergreifend funktionieren und Betreibern echte Unabhängigkeit vom OEM verschaffen.
Wie Innovation bei der Deutschen Windtechnik entsteht
Der Erfolg von BBG+ zeigt exemplarisch, wie Engineering bei der Deutschen Windtechnik funktioniert. Es ist kein linearer Prozess vom Labor zur Marktreife, sondern ein kontinuierlicher Dialog zwischen allen Beteiligten. „Jede Abteilung beeinflusst die andere Abteilung ständig", beschreibt Silvio Matysik die Zusammenarbeit. „Die enge Vernetzung ist notwendig und funktioniert sehr gut." Fehlerbilder aus der Leitwarte liefern erste Hinweise, Feedback vom Service zeigt, wo Lösungen funktionieren oder Nachbesserungen nötig sind. Erkenntnisse aus Kundenprojekten fließen direkt in die Entwicklung ein. Diese organisatorische Verzahnung ist kein Zufall, sondern Strategie. „Gerade im R&D-Bereich hängt der Erfolg entscheidend davon ab, wie gut das Team und die beteiligten Partnerfirmen zusammenarbeiten", betont Silvio Matysik. Bei BBG+ war die Partnerschaft mit eolotec entscheidend – jeder brachte seine Spezialisierung ein.
„Die Themen sind meist komplex, so dass die Erfindungen im Team entstehen. Jeder hat seine Perspektive und darüber findet man die beste Lösung. Zusätzlich erweitern wir unser Leistungsspektrum durch die gezielte Zusammenarbeit mit Dienstleistern und Partnerfirmen, die ihre jeweiligen Spezialisierungen einbringen.”
Weitere Entwicklungsfelder
Neben BBG+ arbeitet das Engineering an weiteren Schwerpunkten. Die Weiterentwicklung von Ultraschallprüfungen an Verbindungsmitteln ist ein wichtiges Feld. Lifetime Extension von Großkomponenten steht ebenfalls im Fokus: Wie lässt sich die Lebensdauer von Getrieben, Generatoren oder Hauptlagern verlängern? Innovative Ansätze wie geteilte Hauptlager ermöglichen den Tausch ohne Demontage von Triebstrang und Rotor – und damit ohne teuren Mobilkran. „Leider sind einige R&D-Themen, an denen wir arbeiten, nicht öffentlich", betont Silvio Matysik die notwendige Diskretion bei manchen Entwicklungen.
Der Blick nach vorn
Fest steht: Bei immer größeren Turbinen und höheren Türmen werden Kosteneinsparungen zum entscheidenden Faktor. Großkomponenten verursachen die höchsten Servicekosten, Krankosten steigen exponentiell. Zukunftsthemen wie BGWS, Uptower-Kran und Predictive Maintenance bieten hier Ansätze. „Da wir vermehrt größere Turbinen unter Vertrag nehmen und diese auch auf immer höheren Türmen stehen, sehe ich hier das größte Einsparpotenzial", so Silvio Matysik.
Das bodengestützte Windensystem (BGWS) der Deutschen Windtechnik ist bereits im Einsatz. „Ich halte es für notwendig, das weiterzudenken und auch auf weitere Anlagenhersteller und Typen zu erweitern." Auch der Uptower-Kran steht auf der Agenda: „Die Anschaffungskosten sind hoch und die Operational Excellence wird eine echte Herausforderung. Langfristig wird der Uptower-Kran jedoch eine sehr wichtige Komponente im Service spielen."
Und schließlich: „Predictive Maintenance muss weitergedacht und mit den klassischen CM-Systemen kombiniert werden." BBG+ zeigt bereits, wie diese Kombination funktioniert – datenbasierte Vorhersage plus bewährte Überwachung.
Was am Ende zählt
„Ich kann da nur für unseren Bereich sprechen, und die wichtigste Kennzahl ist, ob die Turbine läuft und alles an seinem Platz bleibt – das ist das Ziel", fasst Silvio Matysik die Engineering-Philosophie seiner Arbeit bei der Deutschen Windtechnik zusammen. Nicht die eleganteste technische Lösung ist das Ziel, sondern die praktikabelste. Am Ende muss die Turbine laufen – sicher, wirtschaftlich, langfristig. Für Betreiber*innen bedeutet das: mehr Kontrolle, weniger Abhängigkeit, langfristige Perspektiven. Die nächsten Innovationen sind bereits in Arbeit.



